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Interview mit Wicky Junggeburth

Herr Junggeburth, nachdem ich Sie gerade wieder einmal auf der Bühne erleben konnte, habe ich das Gefühl, daß es Ihnen sehr großen Spaß macht dort zu stehen. Ist das mit ein Geheimnis Ihres Erfolges?

Das weiß ich nicht. Ich mache das, was ich immer gerne gemacht habe - Karneval gefeiert. Allerdings bin ich erst 1990 in eine Karnevalsgesellschaft eingetreten - in die Nippeser Bürgerwehr, in der ich heute noch Mitglied bin.

Hätte ich einen Freund gehabt, der in einem Verein gewesen wäre, wäre ich schon früher mit fliegenden Fahnen in eine Gesellschaft eingetreten, weil ich schon immer am Karneval gehangen habe. Das war für mich immer ein wahnsinniges Ventil in den letzten 40 Jahren.

Auch wenn es mal nicht so gut ging, der Karneval war für mich etwas, wo ich mich immer wieder dran hochziehen konnte. Das ist so geblieben bis zum heutigen Tag. Und heute kann ich einiges wieder zurückgeben von dem was ich fühle und ich erlebe dann in den Sälen, daß eigenartigerweise ein Großteil der Leute, die da sitzen, es genau so empfinden wie ich.

1993 waren Sie Prinz im Kölner Dreigestirn. Wie kam es dazu?

Als ich 1991 erstmals den Präsidenten der Nippeser Bürgerwehr kennengelernt habe, habe ich ihm gesagt, daß ich gerne den Prinzen machen würde, falls die Gesellschaft einmal die Möglichkeit hätte, ein Dreigestirn zu stellen. Er sagte, daß er es registriert hätte, ich mir aber nicht zuviel Hoffnungen machen sollte.

Nur ein Jahr später wurde dann tatsächlich bei der Bürgerwehr angefragt, ob sie nicht zu ihrem 90jährigen Jubiläum 1993 ein Dreigestirn stellen wollten. Der Präsident erinnerte sich an unser Gespräch, ihm fiel ein, daß er bereits einen Prinzen hatte, einen Bauern ebenso und eine Jungfrau innerhalb von zehn Minuten finden würde. So wurde ich Prinz im Kölner Karneval.

Bei Ihnen hat man immer besonders das Gefühl, daß das Publikum Ihnen sehr am Herzen liegt. Ist das so?

Das Publikum ist der Souverän im Saal. Ich sage immer, das ist ein Geben und Nehmen. Wenn man dem Publikum das gibt, was man ehrlich empfindet und das auch noch humorvoll verpacken kann, dann kann auch einmal ein Fehler dabei sein und vielleicht ein falsches Wort, das wird dann akzeptiert. Was nicht akzeptiert wird ist Arroganz und Überheblichkeit und ich bilde mir ein, daß ich damit überhaupt nichts zu tun habe.

Sind Sie auch nach so langen Jahren Bühnenerfahrung immer noch nervös bezüglich der Reaktion des Publikums, ob und wie gut Sie ankommen?

100 Prozent. Wenn das nicht so wäre, dann wäre es auch kein Auftritt mehr. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Seniorenheim mit 50 Personen oder das Sartory mit 1400 Personen handelt. Eine gewisse Nervosität oder Bauchgrimmeln, wie ich es nenne, muß sein. Die Ehrfurcht vor dem Publikum ist ja auch da, damit alle Antennen hochgehen, um eine Sensibilität zu entwickeln, denn jedes reagiert anders.

Es kann durchaus sein, daß man nach einer Pause in eine Sitzung kommt, in einen relativ kalten Saal. Man kommt als erste Nummer auf die Bühne und denkt, daß das als Eisbrecher schwierig werden könnte und das Publikum empfängt einen großartig.

Und genau diese Sensibilität muß man sich erhalten. Wenn man auf der Bühne steht, dann sieht man schon was los ist, ist Stimmung da, ja, nein, sind fröhliche Gesichter vorhanden. Manchmal hat man auch das Gefühl, als wäre jemand verstorben. Das merkt man in den ersten Sekunden auf der Bühne.

Bei welchen Veranstaltungen treten Sie am liebsten auf?

Das sind die Veranstaltungen, bei denen es kein Geld gibt. Nennen wir einmal die Seniorensitzungen oder Seniorennachmittage. Ich trete häufig hier in Köln in Altenheimen auf, im Deutsch-Orden oder im Herz-Jesu-Heim.

Das macht eine solche Freude, weil die Leutchen, die dort sitzen, den alten Karneval aus den 50iger Jahren noch kennen. Wenn man davon erzählt, dann sieht man in solch glänzende Augen, das sind besonders schöne Erlebnisse.

Es gibt allerdings auch Sitzungen, die etwas ganz besonderes sind, ich denke da an Rocholomäus, die berühmte Fallsitzung im Sartory von St. Rochus und St. Bartholomäus, deshalb Rocholomäus, die von der ersten bis zur letzten Minute eine Stimmung hat, die ist ganz, ganz gewaltig oder aber allgemein die Pfarrsitzungen, wo ich sehr, sehr gerne hingehe.

Wie viele Auftritte machen Sie in der Karnevalssession durchschnittlich am Tag?

Das kann man pauschal nicht sagen. Montag ist normalerweise frei, damit man die Stimme vom Wochenende wieder schonen kann. Das muß auch so sein. Ansonsten ist es unterschiedlich, zwischen zwei und sechs.

Was verstehen Sie persönlich unter dem Begriff Karneval? Was ist für Sie richtiger Karneval?

Karneval ist die Freude, die der normale Mensch auf der Straße empfindet. Und hier verbinde ich das in erster Linie mit dem Kölner, denn ich bin nach wie vor der Überzeugung, Fastelovend wird nur in Köln richtig gefeiert.

Es ist eben eine ganz besondere Situation, wenn man das am 11.11. auf dem Alter Markt sieht, wenn dort, ich nennen sie einmal so, die Hartliner hinkommen, die sich morgens um 7 Uhr das Kostüm anziehen und dann mit in der Straßenbahn, mit im Bus, mit dem andere Leute zur Arbeit fahren, sitzen. Die werden auch hier in Köln noch angeschaut wie das dritte Weltwunder, aber die empfinden solch eine Freude am Verkleiden, am Spaß, an der Freude, da ist etwas, das aus dem Volke kommt.

Der Karneval, das ist ganz, ganz wichtig hier beim Kölner, geht vom Volke aus. Deshalb wird es auch in Krisenzeiten immer wieder eine Bewegung von unten geben. Genau das habe ich auch in den 50iger, 60iger Jahren empfunden, als es mir finanziell nicht so besonders ging, da war der Karneval dieses Ventil.

Das sieht man im Moment wieder ganz stark, wo die wirtschaftlichen Zeiten lange nicht mehr so rosig und die Sitzungen zum Teil nicht mehr so voll sind, aber der Straßenkarneval angenommen wird wie nie zuvor. Auf dem Alter Markt bzw. auf dem Heumarkt waren in diesem Jahr 30.000 Zuschauer, das ist noch nie dagewesen. Man muß sich vorstellen, daß diese Veranstaltung vor 15 Jahren auf dem Ostermann-Plätzchen stattfand mit 400, 500 Leuten. Dann sind es etwas mehr geworden und man ist auf den Alter Markt umgezogen und jetzt auf den Heumarkt. Und wenn da noch mehr Platz fänden, kämen auch noch mehr. Das zeugt ganz klar davon, daß die Leute eine Sehnsucht danach haben sich einmal nicht so geben zu müssen wie sie sich im Alltag geben müssen, einfach jeck zu sein, wie man das im landläufigen aber positiven Sinn in Köln sagen würde. Das kann man in dieser Form, davon bin ich fest überzeugt, nur in Köln, das wird es nicht in Düsseldorf, in München, in Stuttgart, in Hamburg oder Berlin geben. Dafür muß man nach Köln kommen.
Auf Ihrer Website habe ich gelesen, daß Ihnen Couplets und Parodien aus der Nachkriegszeit sowie Nostalgiesitzungen sehr am Herzen liegen. Wie kommt es dazu?

Da mein Vater schon in den 50iger Jahren ein Radiogeschäft hatte, hat er schon frühzeitig Sitzungen aufgenommen. Als Kind habe ich diese anstelle von Märchenplatten abgehört. Mein Vater hat mir gezeigt wie das Tonbandgerät funktioniert und wie ich es bedienen kann und wenn andere über Märchenplatten oder Kinderbüchern gesessen haben, habe ich mir Karnevalssitzungen angehört.

Es gibt dort Reden und vor allen Dingen die Couplets von den „Zwei Drügen“ oder den „Zwei Holzköpfen“, die mir sehr am Herzen liegen. Die sind teilweise 45, 50 Jahre alt und man kann heute noch darüber lachen. Nicht lächeln, sondern herzhaft lachen.

Oft kann man über Witze, die vier, fünf Jahre alt sind, nicht mehr lachen. Aber diese Art von Vorträgen, dieser verrückte Kölner Humor, der keinem wehtut und trotzdem Bilder im Kopf entstehen läßt, die einfach verrückt sind, da kann man sich heute noch drüber amüsieren.

Diese Qualität, die so selten ist, hatte man, im Grunde genommen, für diesen musikalischen Vortrag, fast ausschließlich in den 50iger, 60iger Jahren. Das hat sich bis heute gehalten. Bis zum heutigen Tage sagen die Leute, daß sie sich darüber immer noch amüsieren können. Wenn es über Schadenfreude geht, dieses Lied „Et deed uns leed, ävver mir hatten Freud“, das ist etwas, was den Leuten aus den Herzen spricht und was leider Gottes verloren gegangen ist.

Gibt es Kollegen mit denen Sie einmal besonders gerne zusammen auf der Bühne stehen würden?

Diese Wünsche habe ich mir erfüllt. Das war in erster Linie im letzten Jahr mit den Bläck Fööss. Das war ein Erlebnis, das kann ich gar nicht beschreiben - unglaublich. 2000 Zuschauer und dann mit dieser Truppe, mit der ich groß geworden bin. Die sind 1970 gegründet worden, da war ich 19 Jahre alt. Und dann irgendwann einmal gemeinsam mit denen auf einer Bühne zu stehen und die Leute zum Lachen, den ganzen Saal zum Schreien zu bringen, das ist das Allergrößte.

Oder aber mit „De Doof Nuss“, mit Hans Hachenberg auf der Bühne zu stehen, das habe ich auch einmal geschafft. Oder mit dem leider vor vier Jahren verstorbenen Jupp Kürsch von den Gebrüdern Kürsch.

Das waren so die einschneidenden Erlebnisse und, das ist ganz wichtig, mein erster Bühnenauftritt fand mit den 3 Colonias statt. Da habe ich 1994 eine Woche lang den Oli vertreten, weil er krank war. Das war für mich die Initialzündung auf die Bühne zu gehen, aber nicht in einer Gruppe, ich wollte es alleine machen.

Wie sieht Ihr persönlicher Ausgleich zu den doch sicherlich oftmals stressigen Karnevalsauftritten aus?

Wir wohnen seit 25 Jahren hinter Rösrath mitten im Wald, ganz ruhig, für einen Kölner fast schon zu ruhig. Aber das ist genau das, was wir brauchen. Wir gehen fast jeden Tag, zumindest fünfmal die Woche, stramm spazieren, das ist der Ausgleich, den ich brauche.

Nach den Auftritten bin ich nicht mehr in der Lage irgendwo in eine Wirtschaft zu gehen und dort ein Bier zu trinken. Einmal nicht wegen der Stimme und außerdem würde es mich zu sehr aufreiben. Ich brauche Ruhe und zu Hause noch eine Stunde lesen oder den Fernseher einschaltn, langsam runterkommen. Dann morgens ein bißchen länger schlafen,
um nachmittags wieder fit zu sein und auch kein Telefon zu hören.

Welche Hobbys haben Sie?

Mein Hobby ist der alte Karneval. Mittlerweile habe ich das so perfektioniert, daß ich die Tonbänder und Kassetten mit den Sitzungsmitschnitten, das sind insgesamt 800 Stunden, auf den Computer aufgenommen und entsprechend bearbeitet habe. Ich kann heute jede Rede, die vor den 80iger Jahren gehalten wurde, per Knopfdruck innerhalb von 30 Sekunden abspielen lassen. Sagen wir mal Schmitze Grön oder De Doof Nuss oder Karl Küpper von Anfang der fünfziger Jahre, die habe ich alle auf Tonband und kann sie per Knopfdruck abhören. Das ist für mich ein Riesenhobby.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich wünsche dem Karneval die Kraft, daß er sich immer wieder erneuert, egal wer da oben an der Spitze steht.

Was sind Ihre Pläne?

Zunächst den Rosenmontagszug 2005 zu kommentieren. Das mache ich zusammen mit Udo Eichel bereits seit vier Jahren mit großem Erfolg und die Resonanz der Zuhörerschaft darauf ist ganz enorm.

Dann werde ich 2005 die WDR-Arkaden moderieren, an Weiberfastnacht zwischen 15.00 Uhr und 20.00 Uhr, gemeinsam mit Marita Köllner.

Außerdem gibt es noch die Radiosendung „Jeden Mittwoch bis Äschermittwoch“ auf WDR 4, erstmalig am 13.01.05 von 15.00 Uhr bis 16.00 Uhr. Da stelle ich dann alte und neue Karnevalslieder vor und grabe natürlich auch immer im Archiv oder bringe etwas aus meinem eigenen mit. Radio ist etwas wunderschönes.

Besten Dank für dieses Interview!



Persönliches:

Früherer Beruf?

Bankkaufmann

Wenn Sie auf eine einsame Insel gehen würden und drei Dinge mitnehmen dürften. Welche?

Ein Radiogerät, ein ganz, ganz dickes Buch über den Kölner Karneval und die Familie

Sie haben drei Wünsche frei. Welche?

Gesundheit, das steht ganz oben, mehr Zufriedenheit in Deutschland und mehr Gelassenheit der Menschen. Ich schließe mich da ein, ich könnte auch eine gute Portion mehr gebrauchen. Jeden Tag wünsche ich mir, ich bekäme so ein bißchen was vom Elefanten, das dickere Fell. Ich kämpfe jeden Tag darum, ob ich es eines Tages schaffe, weiß ich nicht.

Wenn Sie eine Entscheidung in Ihrem Leben rückgängig machen könnten. Welche wäre das?

Es gibt keine.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?


Der Tag an dem man nicht gelacht hat, ist ein verlorener Tag.

Wie stellen Sie sich Ihren Lebensabend vor?

Da könnte ich mir gut vorstellen ein Viertel des Jahres in Frankreich zu verbringen und zwar in Südfrankreich. Drei Viertel des Jahr würde ich gerne in Köln verbringen und dann noch hin und wieder einen Rosenstrauß zu picken, wo ich im Karneval tätig werden kann. Ganz aufhören könnte ich nie. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Wo möchten Sie gerne leben?

Wo wir jetzt wohnen in Köln oder der näheren Umgebung, was anderes käme für mich gar nicht in Frage.

Was würden Sie noch gerne erlernen?


Perfekt französisch zu sprechen.

Mit welcher bekannten Persönlichkeit möchten Sie gerne tauschen?

Mit keiner.

Ihre Lieblingsfarbe?

Blau.

Ihre Lieblingsblume?

Die Rose.

Was treibt Sie zur Verzweiflung?

In Köln sagt man „Schmierwürsch“, Schmierwürste, d.h. Leute, die unehrlich sind, freundlich von vorne und einem von hinten das Messer in den Rücken werfen, das ist für mich das Allerschlimmste. Und da gibt es so viele von und es werden jeden Tag mehr, eigenartigerweise.

Worüber können Sie sich besonders freuen?

Über einen Riesenauftritt, wo man rausgeht und nachher sagt, das war es einfach, das war einfach schön. Da kann ich mich riesig drüber freuen.

In welchem Jahrhundert würden Sie am liebsten leben und warum?

In der Gegenwart, gar keine Frage. Denn die Unzulänglichkeiten, die die letzten Jahrtausende mitgebracht haben, die möchte ich nicht miterleben. Ich bin mit der Gegenwart sehr zufrieden.

Was möchten Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?

Es soll sich keiner einen Deu antun, wie man in Köln sagt. Natürlichkeit ist immer ganz wichtig. Man braucht nicht überall gut gelitten zu sein, das wird man ohnehin nicht erreichen können. Wenn die Ehrlichkeit aus einem herausströmt, dann wird man bei den wichtigen Leuten akzeptiert und bei den Leuten, die die Ehrlichkeit nicht ertragen können - die sind auch nicht wichtig. Für mich ist es am allerwichtigsten Natürlichkeit und seinen persönlichen Charakter zu bewahren, mal den Mund aufzumachen, auch wenn es unbequem ist. Da halte ich mich sehr eng dran. Man wird mich also nie verbiegen können, wenn ich etwas zu sagen habe, dann sage ich es auch. Ich habe schon öfter Nachteile dadurch erfahren, aber das spielt keine Rolle, man sollte die Ehrlichkeit zu sich haben und auf gar keinen Fall mit dem Wind drehen, das geht nicht gut, so oft läßt sich gar nicht drehen, das ist unmöglich.

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