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Interview mit Hans Hachenberg

Geboren am 11.7.1925, gestorben 12.7.2013

Ehrungen:

Ehrenbürger der Stadt Bergisch-Gladbach
„Willy-Millowitsch-Medaille“
„Goldene Mütze“ der Karnevalsgesellschaft „Alt-Köllen vun 1883 e.V.“
Ehrenkreuz in Gold mit Brillianten der Ehrengarde der Stadt Köln e.V. 1902
Goldene/Lachende Maske vom Stammtisch Kölner Karnevalisten
Verdienstorden in Gold mit Brillianten vom Bund Deutscher Karneval e.V.
Verdienstorden in Gold vom Festkomitee Kölner Karneval von 1823 e.V.
Rheinlandorden „Das Goldene Herz“
Närrischer Bergischer Orden vom KCK Kürten


Herr Hachenberg, Sie sind bekannt als „Doof Noss“ im Kölner Karneval. Wo sind Ihre Anfänge im Karneval zu suchen? Wie kam es zu Ihrem ersten Auftritt?

1946 hier in Bergisch-Gladbach. Ich war Mitglied im Gesangsverein und wir wollten ein schönes Fest veranstalten. Da kam die Frage auf, ob jemand etwas vortragen könnte. Dann bin ich mit einem Kollegen als „Lehrer und Schüler“ aufgetreten. Das kam sehr gut an und ich habe Lust bekommen. Mein Kollege und ich sind dann drei Jahre zusammen aufgetreten, dann konnte er nicht mehr weitermachen. Ich wollte jedoch nicht aufhören – das war 1948, seitdem bin ich die „Doof Noss“.

Wie kamen Sie ausgerechnet zu diesem Namen?

In der Zeit mit meinem Kollegen gab es schon ein Jahr, in dem wir nicht als „Lehrer und Schüler“ auftraten, sondern als „Zwei Doofe“. Das war schon die richtige Rolle für mich. Die Leute sagten immer, ich könne mich so herrlich doof stellen. Dann habe ich mir gedacht, daß ich diese Type beibehalten will. Man sagte doch früher zu einem, der etwas nicht kapierte: „Mensch, was bist du für’n „Doof Noss“.

All die Jahre habe ich nicht nur meine Type beibehalten, sondern auch die Themen in meinen Reden. Es ging nur um die Familie und sonst nichts – keine Politik, keine Böswilligkeiten anderen gegenüber. Es ging um Mama, Papa, Oma, Opa und die Geschwister, die ich teilweise gar nicht hatte. Ich hatte nur einen Bruder. Doch große Erfolge hatte ich auch mit Ludmilla, meiner Schwester. Darüber haben die Bläck Fööss sogar ein Lied gemacht, worüber ich mich sehr gefreut habe.

Ließen sich die Auftritte mühelos mit Ihrem Beruf vereinbaren?

Ich war als Techniker in Köln-Dellbrück beschäftigt. Tagsüber ging ich arbeiten. Wenn ich in der Karnevalszeit Feierabend hatte, die Veranstaltungen waren ja meistens abends, zog ich mich um und ging danach auf Achse. Als später die Hausfrauennachmittage und Damensitzungen kamen, vereinbarte ich mit meinem Chef, wann ich die Zeiten nacharbeiten würde. Damit war der Fall erledigt.

Gab es damals in dem Sinne schon Gage für die Auftritte?

In der Zeit nach dem Krieg, die sehr schlecht war, gab es Naturalien - einen Korb voll Kappes (Weißkohl), einen halben Sack Kartoffeln oder Briketts. Dann hat es bei mir angefangen mit 5 Mark, Reichsmark, später kam die DM, jetzt der Euro.

Wie lange dauerten die Auftritte damals?

Zehn Minuten bis eine Viertel Stunde. Es gab auch schon Auftritte, die 20 Minuten dauerten. Das kommt auf den Erfolg an, den man hat.

Haben Sie Ihre Vorträge selbst erarbeitet?

Ja, komplett. Es kamen aber auch genügend Leute zu mir, die sagten, daß sie etwas schönes für mich hätten. Wenn es wirklich paßte, habe ich es mir aufgeschrieben. Von Treffen mit Kollegen oder Freunden kam ich immer mit Bierdeckeln nach Hause, auf denen ich etwas notiert hatte. Da war auch mancher dabei, wo ich nicht mehr wußte, was es heißen sollte. Aber das, was ich gebrauchen konnte, habe ich mir gleich ausführlich notiert und nach einem Tag noch einmal gelesen. Das soll man ja so machen und so war es auch bei meiner jeweiligen Rede.

Meine Frau kommt nicht aus Köln, sondern aus Mülheim an der Ruhr, die hat mir immer gesagt, wenn ich etwas nicht bringen kann, wenn etwas nicht ankommt oder genau so, wenn etwas gut ist. Dann wurde es verarbeitet. Ihr habe ich viel zu verdanken.

Manchmal kam auch beispielsweise Harry Fey mit Sachen, die er selbst nicht verwenden konnte und fragte mich, ob ich sie haben wollte. Wir waren sehr gute Freunde, der Harry und ich.

Gab und gibt es für Sie Themen in Ihren Vorträgen, die tabu waren?

Politik sowieso und – das sagt man mir heute noch nach, anstößige Sachen, früher sagte man ja Zoten dazu. Die kamen für mich nicht in Frage. Ich weiß nicht warum, vielleicht aus der Erziehung heraus. Heute noch werde ich als der „Mann ohne Zoten“ vorgestellt.

Wenn ich heute auf eine Sitzung eingeladen werde und von einem Redner wird ein richtig scharfes Ding losgelassen, dann schauen mich die Leute an, was ich mache, gerade so, als ob ich ein Maßstab wäre. Und wenn die meinen Maßstab kennen, wissen sie, daß ich mit dem Kopf schüttele. Das ist nicht mein Ding. Wenn ich damit all die Jahre meine Zuhörer erfreut hätte, wäre ich heute nicht so geachtet.

Was bedeutet für Sie persönlich Karneval? Welchen Gedanken verbinden Sie mit dem Begriff Karneval?

Heute nehme ich an vielen Einladungen teil. Einmal weil ich noch gerne dabei bin, aber auch um meine alten Kollegen zu sehen und zu hören und mit ihnen zu plaudern.

Damals nahm ich teil, weil ich selbst mit Leib und Seele Karnevalist war und auch sehr bekannt. Ich fieberte jeder Session neu entgegen. Später habe ich jedoch gemerkt, je älter ich wurde, desto aufgeregter und unruhiger wurde ich, wenn Karneval begann, weil einfach zuviel verlangt wurde.

Man verglich uns Amateure viel mit den Fernsehstars, die sehr viel Geld pro Auftritt verdienten. Wenn man zum Stammtisch ging, wurde man gefragt, ob man nicht die oder jene Sitzung gesehen hätte, die wäre Klasse. Man selbst bekam unter Umständen zu hören, das wäre aber diesmal nicht viel. Wenn man sehr gut war, dann mußte man das nächste Jahr mindestens so gut sein und durfte nicht etwa absinken.

Wie viele Auftritte haben Sie früher immer gemacht?

In der Woche war früher wenig los. Das hat sich erst in den letzten 20, 30 Jahren so ergeben. Es ging um freitags, samstags, sonntags.

Ich schätze, ich habe im Schnitt 100 Sitzungen mitgemacht. Man kann ja nicht mehr Auftritte machen, als der Körper einem hergibt.

Bis zu welchem Alter sind Sie regelmäßig aufgetreten?

1989 hatte ich eine Operation am offenen Herzen, bei dem mir Bypässe gelegt wurden. Da bin ich in dem Jahr und in dem darauffolgenden nicht aufgetreten. Dann aber kamen so viele Leute zu mir, die fragten, ob es nicht doch wieder ginge, daß ich noch einmal angefangen habe, so 1992. Das ging so gut und die Sachen kamen so toll an, daß ich erst 2002 endgültig aufgehört habe.

Was ist für Sie der Unterschied zwischen dem Karneval damals und heute?

Ein grundlegender Unterschied ist, daß damals in den Sitzungen Minimum sechs, vielleicht auch acht Redner waren und zwei Musikgruppen. Darunter waren auch Krätzjes-Sänger oder Duette. Heute treten ein oder zwei Redner auf und sonst gibt es nur Musik.

Ich spreche mit vielen Leuten. Die sind davon gar nicht begeistert, wenn die riesigen Anlagen aufgebaut werden. Früher hat man doch auch so gesungen, aber heute läuft nichts mehr ohne Verstärker.

Die älteren Leute hätten gerne noch einmal die Sitzungen von früher. Dazu kommt natürlich noch, daß viele Vorträge gar nichts mit Karneval zu tun haben.

Was kann Sie heute noch dazu bewegen im Karneval aufzutreten? Was reizt Sie von Zeit zu Zeit doch noch einmal auf die Bühne zu gehen?

Nur die Bitten von wirklich guten Freunden, die irgend etwas besonderes vorhaben. So war es ja auch bei den Grielächern in der letzten Session, die wollten noch einmal einen Redner von früher sehen.

Heute ist doch ein ganz anderes, viel jüngeres Publikum. Es ging darum einen Redner zu kredenzen, den die meisten nur noch dem Namen nach kannten oder aus dem Fernsehen. Nachher sind viele Leute zu mir gekommen oder haben mir geschrieben. Das hatten sie noch nicht gesehen oder erwartet. Das wäre etwas, wo ich sagen würde, ja, das mache ich. Aber sonst…

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie heute noch auftreten und mit stehenden Ovationen belohnt werden?

Das läuft mir kalt den Rücken runter. Das ist ein tolles Gefühl. Da komme ich nach Hause und sage zu meiner Frau, daß es toll gewesen wäre, wenn sie das miterlebt hätte. In dieser Session waren das ein paar Auftritte, bei den Grielächern im Maritim, zweimal im Sartory, bei Rocholomäus, dem Hänneschen-Theater und in der Philharmonie, wo die Leute wirklich auf den Stühlen gestanden haben und mir da oben ein leichtes Tränchen in die Augen kletterte. Das geht einem doch sehr nahe.

Gibt es schon konkrete Pläne, wann man Sie wieder auf der Bühne bewundern darf?

Nein, die gibt es nicht. Ich sage jedem, der mich anruft, daß er es kurz vor Beginn der neuen Session noch einmal versuchen soll, dann weiß ich mehr. Das kann ich jetzt noch nicht abschätzen und es kommt auch darauf an, wie ich mich fühle.

Danke für dieses Interview!

erschienen im Sessionsheft der Session 2006 der KG Kölsche Grielächer vun 1927 e.V., Seiten 126 bis 131




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